Kurzkrimi
Angesichts der Wartezeit auf den nächsten Federer-Krimi an dieser Stelle ein Kurzkrimi von mir aus „Die Presse“ vom 9. August 2009
Sperlings rattenscharfes Gespür
Zwei Leichen im selben Raum, das war unangenehm. Wenn der Raum dann auch noch ein vornehmer Salon einer Villa in Wiens Nobelvorort Grinzing war, so war das noch unangenehmer. Sperling kratzte sich am Kopf: Ein Doppelselbstmord in den so genannten besseren Kreisen, aber warum? Mutter und Sohn Schwanenburg-Zeisigstein waren schon in Auflösung begriffen, als der Gärtner sie gefunden hatte. Die Mutter hatte einen Hirntumor. Dass ihr die Lebensgeister schwanden, sah Sperling ein. Doch ihr Sohn Franz, der hatte sich panisch gegen das Altern gewehrt. Die Berge an Vitamin A, C und E, die er täglich einwarf, hätten bei jedem Bodybuilder als Doping gegolten. Er folgte darin den Empfehlungen seines jüngeren Bruders Viktor. Der war Medizinprofessor, Anti-Aging-Spezialist wie es neudeutsch hieß, und zum Vitamin-Guru aufgestiegen, fehlte bei keinem Event. Er hatte sich seinen Erfolg selbst aufbauen müssen. In diesen Kreisen erbte immer nur der älteste Sohn alles. Jetzt, so munkelte man, habe er sich übernommen, Immobilienkrise, Madoff und dergleichen. Seit drei Monaten war er untergetaucht, das letzte Telefonat eine Woche her aus dem venezuelanischen Dschungel. „Heureka!“, habe er gerufen, der Franz, so die Haushälterin, die daraufhin in Urlaub geschickt worden sei. Doch der war nun tot.
Alles deutete auf Selbstmord hin. Der Abschiedsbrief in Handschrift, von beiden Toten abwechselnd geschrieben. Der Sohn hatte nicht mehr weiterleben wollen ohne seine Mutter - Ödipus ließ grüßen. Oder hatte die Mutter den Sohn überredet, ihr nur mehr oder weniger freiwillig in den Himmel zu folgen, ihre mütterliche Macht an ihm walten lassen? Ein verschrobenes Paar waren die beiden ohne Zweifel. Jetzt lagen sie da auf der opulenten Couch im Salon, gemeinsam langsam innerlich verblutet. Sperling musterte den tragischen Ort: Die Leichen, der Brief und Berge von Unterlagen. Auf dem Schreibtisch wucherte der Dschungel eines Schöngeistes, offensichtlich ein Werk des toten Sohnes. Er musste ein Faible für Gartenarbeiten gehabt haben. Bildbände zur klassischen Gartenbaukunst - den Platz im Garten oder besser gesagt im Park hatten sie, wie der Blick aus dem Fenster unschwer belegte – türmten sich zwischen Opernprogrammen, Fotos unbekleideter Männer und geplanten Veröffentlichungen des Professors. Offenbar hatte der Schöngeist die sprachliche Feinarbeit für seinen Bruder übernommen, wenngleich ein wenig barock, wie Sperling fand: Vitamin A: Regenbogen der Sinne! Balsam der Augen; Vitamin C: Das Lächeln der Jugend! Antioxidantien als Wunderwaffe; Vitamin E: Ratten würden ewig leben! Das Zaubermittel gegen alle Gifte – eine Randnotiz, kaum leserlich, typische Medizinerklaue, hob diesen Artikel hervor: „Vor dem Abschicken nochmals an mich!“ Was diese Mittel nicht alles konnten oder können sollten. Beiläufig blickte Sperling in den Wandspiegel und überflog dann unwillkürlich einige Artikel. Gebrauchen hätte er so eine Verjüngungskur schon können. Was nicht alles an Umweltgiften unser äußeres und inneres Wohlbefinden attackierte.
Sperlings Handy läutete und riss ihn aus seinen selbstkritischen Betrachtungen. Der Gerichtsmediziner Dr. Fleischhacker war am Telefon: „Es war Warfarin, Rattengift.“ Es folgte eine von Fleischhackers üblichen, langatmigen Vorlesungen, die nur von gelegentlichem Räuspern unterbrochen wurden: In Wien hatte Rattengift Tradition, da die possierlichen Tierchen in ihrem Gewimmel in den Kellern der Innenstadt ihre subversive Gegenwelt behaupteten. Ein Spaziergang durch den nächtlichen Rathauspark genügte, um sich zu vergewissern. Wer da sonst noch anzutreffen war, das war eine andere Geschichte, für Eingeweihte. Sperling hörte nur mit einem Ohr zu. Er überlegte. Der Gärtner hatte Zugang zum Rattengift. Er hatte die Leichen gefunden. Doch er behauptete, er sei unschuldig. Das war glaubhaft so ganz ohne Motiv. Doch Sperling stutzte. Er durchstöberte den Papierhaufen erneut. Der auf den Nacktfotos, das war doch der Gärtner. „Die müssen das gewollt haben, oder sie haben wirklich nichts gemerkt.“ Fleischhacker dozierte immer noch weiter. „Bis das Gift wirkt, das dauert fünf bis sieben Tage. Innerliches Verbluten. Hat es erst einmal begonnen, ist es nicht mehr aufzuhalten.“ „Da haben ihm auch seine Vitamine nichts genutzt.“ „Doch hätten sie, er hätte leicht Vitamin K als Gegenmittel einnehmen können.“ Gegen die Mutter war kein Kraut gewachsen, dachte sich Sperling. Sie hatte ihn mitnehmen wollen. Er gehörte ihr. Sonst würde der sich jetzt mit seinem Erbe und dem Gärtner ungestört vergnügen. „Übrigens die alte Dame hatte keinen Hirntumor. Das hat die Obduktion ergeben. Ich habe daraufhin bei den Kollegen am Allgemeinen Krankenhaus angerufen, und die haben mir versichert, dass sie auch nie einen gehabt hat, sondern dort nur wegen hypochondrischer Ängste in Behandlung war. Ihr Sohn soll ziemlich dumm geschaut haben, als die ihm das mitgeteilt haben.“ Aber ja, das wäre ein Motiv für einen Mord, schoss es Sperling durch den Kopf. Der Gärtner, er musste den Gärtner vernehmen. Als der wenig später hereinkam, gab er sich erst unbeteiligt, harte Schale in schönem Körper. Sperling schwieg eisern während der Befragung, die er seinem Kollegen überließ, ließ ihn auflaufen. Dann stach er zu, sprach leise, verständnisvoll, wissend, dass sein Stoß sitzen würde. „Sie haben ihn geliebt.“ „Sie, Sie wissen es? Wie? Hätte ich geahnt, dass … Ich verstehe es nicht … Dass die Macht der Alten so weit reichte ... Ja, ich habe das Gift besorgt, aber es war doch nicht für ihn!“ Sperling ließ ihn abführen: Beihilfe zum Mord. Sperling blickte ins Leere, zögerte kurz. Draußen flimmerte die Sonne durch das grüne Blätterdach. Dann griff er zum Hörer, wählte die Nummer des zuständigen Richters. Er wusste, wenn ihn sein Gespür getäuscht hatte, würde er, Georg Sperling, Federn lassen, doch er riskierte es: „Grüß Gott Herr Rat. Ich brauche einen Haftbefehl für Professor Schwanenburg-Zeisigstein, ja, Professor Viktor Schwanenburg-Zeisigstein, der Vitamin-Papst.“
Wie überzeugte Sperling den Richter von der Schuld des Professors?
Antwort: In dem Telefonat vereinbarten die beiden Brüder, dass Franz die Mutter umbringen sollte. Hierzu sollte er selbst das giftige Mahl mit ihr einnehmen und durch ein Gegenmittel unschädlich machen. Es war bekannt, dass Franz sich mit Vitaminen jung zu halten versuchte, so hätte die Vergiftung einem Unfall geglichen, dem er durch die Vitamineinnahme entkommen wäre. Nur gab ihm sein Bruder die falsche Information: Nicht Vitamin E, sondern Vitamin K in hoher Dosierung ist das Gegenmittel.